“Unsichtbares Glaubenssystem“

Man konnte sie kaum übersehen, all die aberwitzigen bis skurrilen Schlagzeilen und Artikel rund um den Fleischkonsum. Weil ein paar Pferde hätten Kühe sein sollen, gab’s ein riesengrosses mediales Tamtam um das europäische Hamham. Da wurde flugs und unbeholfen der Kochtopf aufgemacht und in der Skandal-Brühe wurden die Schlagwörter Vegetarismus und Veganisums verkocht. Das Thema polarisiert; kaum jemand lässt sich zu einem gleichgültigen Schulterzucken verleiten. Doch warum konnte der Skandal um das Pferdefleisch einen solchen Aufruhr erzeugen?

Die betroffenen Produkte waren gesundheitlich unbedenklich. Natürlich; Falschdeklarationen sind Betrug an der Kundschaft und sind zu ahnden, daran besteht kein Zweifel. Die Falschdeklaration alleine kann aber kaum als Erklärung dienen, warum ganz Europa wie gestochen aufjuckte und seine Empörung kundtat. Hätten Volk und Politik wirklich gleich ent- und geschlossen Stellung bezogen, wenn statt dem Pferdefleisch einwandfreies Geflügel in der Lasagne entdeckt worden wäre? Wohl kaum, denn die Empörung über das Pferd in der Lasagne wurde zwecks Selbst- und Fremdtäuschung rationalisiert.

Die Verwandlung vom Fisch zum Stäbchen, vom Huhn zum Flügeli und vom Schwein zum Bacon ist nicht nur ein Prozess aus der Fleischverarbeitung; sie hat sich in Kultur und Sprache und damit in unsere Sichtweise auf diese Tiere eingeschlichen.

Im Gegensatz dazu bleibt das Pferd auch kulinarisch ein Pferd und ruft in unserer Vorstellung das Bild eines durch weite Steppen rennenden Kraftprotzes ab, der mit wehender Mähne an der Spitze seiner Herde galoppiert und so der Automobilindustrie die Masseinheit zugunsten des Konjunkturantriebs lieferte. Den sogenannten Nutztieren haben wir diese lebensbejahenden Wesenszüge längst abgeschworen. Wir nehmen an, dass Hühner gerne rund um die Uhr an Ort und Stelle stehen und Milchkühe nichts lieber tun als dem Landwirt ihr frischgeborenes Kalb abzugeben, ehe sie es fürsorglich ablecken konnten. Und auch wenn sie es nicht gerne tun, so entspricht dies doch ihrer Hierarchie, die nun mal die allwissende Natur ihnen einverleibt hat. Aber es war dieselbe liebe Natur, die auch Kindsmörderinnen und Vergewaltiger zum Leben erweckt hat; auf sie ist also kein Verlass.

Obwohl vielen Menschen durchaus bewusst ist, dass die Produktion tierischer Lebensmittel mit Leid einhergeht, dulden sie es, verlangen es gar, dass einige Tierarten ihrem kulinarischen Vergnügen untergeordnet werden. Die Norm wird hier stellvertretend verwendet für „Es war schon immer so.“, als ob dies irgendwelche argumentative Kraft hätte. Aber wo kämen wir denn hin und wären wir heute am selben Punkt, hätten wir das auch nur einige Male mehr gesagt in der Geschichte der Menschheit? Die Sklaven befreien? Frauenstimmrecht? Lassen wir das lieber, es hat doch so gut funktioniert und war schon immer so. Wie wunderbar bequem ist es auch zu denken, dass gerade der Mensch in der “natürlichen” Hierarchie nun mal an oberster Stelle steht.

Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen

Die amerikanische Psychologin und Professorin Melanie Joy hat zu diesem Zweck den Begriff “Karnismus” definiert. Darin beschreibt sie ein „unsichtbares Glaubenssystem“, entsprechend einer kulturellen Norm, die bestimmt welche Lebewesen wir verzehren und welche nicht. Unsere Essgewohnheiten beruhen daher kaum auf einer eigenständigen, freien Entscheidung.

Trotzdem wird als letzte Rückzugsmöglichkeit der “Bauch des freien Menschen” verteidigt, wenn der Fleischlobby die rationalen Argumente ausgehen. In einem Land, das die Neutralität und damit eine pluralistische Gesellschaftsordnung zu den höchsten ihrer Werte erkoren hat, verfehlen solche Argumente ihre Wirkung natürlich nicht. Mit einem solchen populistischen Ausweichmanöver geht jedoch vergessen, dass die Tragweite dieser ethischen Fragestellung nicht am eigenen Bauchnabel endet. Wer die ökologischen, sozio-ökonomischen und ethischen Kosten des Konsums tierischer Lebensmittel zu Gunsten einer unantastbaren Freiheit ausblendet, nähert sich jener Gesinnung, die er den politisch aktiven Vegetariern und Veganerinnen unterstellen will – nämlich dem Dogmatismus.

Bevor man jedoch über die kulinarische Wahlfreiheit des Menschen diskutiert, sollte man mindestens die Interessen der Nutztiere in Erwägung ziehen. Ist es vermessen, unseren nicht allzu unähnlichen Verwandten ein Interesse an einem leidfreien Dasein ohne frühzeitigen Tod zuzugestehen? Die Bio-Landwirtschaft ändert trotz geringfügig besseren Haltungsbedingungen nichts daran, dass sich ein Grossteil der Kälber nach kurzer Mastzeit im Regal des Supermarktes wiederfindet und zehn Prozent der Tiere bei der Schlachtung unzureichend betäubt werden. Woran liegt es, dass manche Menschen angesichts dieser Problemstellung alle alternativen Handlungsmöglichkeiten kategorisch ausschliessen?

Uns verbindet mehr mit dem Schwein, der Henne und dem Kalb, als das Pferd mit einem Regenwurm

Die anthropozentrische Sicht- und Handlungsweise hat ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten; die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier weicht der Kategorisierung “menschliche und nichtmenschliche Tiere”; die Wissenschaft zeigt: Die Unterschiede sind bloss graduell.

So versuchen immer mehr Menschen, sich auch politisch für eine Verminderung des Fleischverzehrs einzusetzen. Die UNO spricht sich weltweit für eine fleisch- und milchproduktfreie Ernährung aus – als einfachstes und effizientestes Mittel gegen Weltarmut und Klimawandel; die deutschen Grünen fordern einen landesweiten vegetarischen Wochentag; an der Universität Basel tut dies die Studentenschaft für ihre Unimensa selbst; in Bern, Fribourg und Zürich laufen ähnliche Projekte. Wie zu erwarten stossen solche Absichten auf heftige Gegenreaktionen.

Aber stellen Sie sich doch bitte einmal in aller Ruhe Folgendes vor: Sie leben in einer Welt, in der sich alle Menschen rein pflanzlich ernähren. Der Klimawandel schreitet um einen Viertel langsamer voran, die Nahrungsknappheit in Entwicklungsländern ist massiv verringert, und die Menschen züchten und töten keine Tiere unter qualvollen Bedingungen. Würden Sie dafür einstehen, die Massentierhaltung einzuführen?

Waren nicht alle, die sich jemals für eine Minderheit eingesetzt haben, ebenfalls in der Unterzahl? Nannte man sie nicht allzu oft Fantasten oder Fanatikerinnen? Und wähnen wir uns nicht alle – in unserer retrospektiven Überheblichkeit – empathisch und rational, dass wir diese Sache ja bestimmt auch mit all unserer Macht unterstützt hätten? Dann zeigen Sie’s. Seien Sie mal bei einer fortschrittlichen Bewegung mit dabei. Dann können Sie nachher auch wirklich sagen: Diesen positiven Wandel habe ich mitbegründet und trotzdem – oder gerade deswegen – vorzüglich gegessen!

Source: http://giordano-bruno-stiftung.ch/blog/morbides-huftgold/

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